Titi bringt Thömus nach Madagaskar
„Titi“. Alle kennen ihn, den fröhlichen jungen Mann aus Madagaskar. Drei Monate hat er in der Werkstatt von Thömus im Oberried für zusätzliche Farbe gesorgt und mit stets guter Laune und grossem Geschick Bike um Bike auf Hochglanz gebracht und fachmännisch repariert. Werkstattchef Tom Allemann konnte ihm ein hervorragendes Zeugnis schreiben. „Titi ist ein äusserst liebenswürdiger Mensch und ein sehr tüchtiger Mitarbeiter!“
Titi stellte nicht nur in der Werkstatt seinen Mann. Er packte auch an Events wie der Swiss Bike Trophy auf dem Gurten Tag und Nacht an, oder startete im roten Thömus Dress an verschiedenen Rennen. Der junge Mann verlässt die Schweiz gut trainiert: auf seinem Arbeitsweg von Zimmerwald nach Oberried und auf allen „Extratouren“ legte Titi in drei Monaten über 2500 Kilometer auf dem Velo zurück! An der Eiger Bike Challenge meisterte Titi die 55 happigen Bergkilometer in honorablen 4 Stunden und 4 Minuten!
Der Abschied vom stets gut gelaunten Gast aus Afrika wurde emotional. Titi ist längst „part of the family“, der „Taufakt“ fand indessen erst am letzten Arbeitstag statt: Titi wurde von Fritz Binggeli und Tom Allemann längelang in den Brunnentrog vor dem Ofehüsi getaucht!
Titi kehrt mit reichem Gepäck in eines der ärmsten Länder der Welt zurück. Am wertvollsten sind wohl die Erfahrungen der ersten grossen Reise im Leben des 22jährigen Hary Tiana Joelilala aus Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars.
Titi eröffnet Thömus Shop in Madagaskar
Titi ist unglaublich stolz über seine beiden Bikes, die er selber zusammengebaut hat. Mit einem blitzblanken Tomcat Carbon fegt er künftig über die fantastischen Trails in seiner Heimat. Für Bike Adventure Tours (www.bikereisen.ch) begleitet Titi bereits im Oktober zwei verschiedene Biketouren durch Madagaskar als „guiding Velomech“. Er wird den Schweizer Gästen viel über sein fantastisches Land erzählen und natürlich auch deren Bikes immer in Schwung halten.
Viele Mitglieder der Thömus Familie haben bereits ihr Interesse angekündigt, Titi in seiner Heimat mit dem Bike zu besuchen. Es kreisen Ideen, nächstes Jahr eine Bike-Reise nach Madagaskar aufzulegen!
In „Tana“, der Hauptstadt Madagaskars gibt es sehr viele, vor allem auch ausländische Biker, welche gerne ein gutes Bike kaufen würden. Diese Marktnische möchte Titi nun mit seiner „Thömus-Filiale“ erkunden. Dass er gleich eine ganze Werkstatt geschenkt erhält, hätte sich Titi wohl nie erträumt. Reto Bühlmann, seit kurzem Mitarbeiter bei Thömus, schenkt Titi die komplette Einrichtung seiner früheren Velowerkstätte!
Titi, ist nicht nur sprachlich, sondern auch in Allgemeinbildung und Buchhaltung gut ausgebildet. Hilfreich wird ihm bei seinem beruflichen Einstieg in Madagaskar deshalb auch der Laptop sein, den er von der Mobiliar erhalten hat. Die genossenschaftlich organisierte Versicherung hat ihre sämtlichen PC’s und Laptops anlässlich ihrer Umrüstung auf neue Modelle an Schulen in der ganzen Schweiz verschenkt. Ein Gerät findet nun gar seinen Weg nach Madagaskar! Laden muss Titi seinen Laptop allerdings wie das Handy bei einem Freund. In seiner Wohnung gibt es weder Wasser noch Strom!
Titi war nur 90 Tage in der Schweiz. Die Wirkung dieser kleinen humanitären Geste hält hoffentlich viele Jahre. Thömus und Titi, sie bleiben im Kontakt und im Geschäft!
Titi aus Madagaskar
Diesen Sommer tönt es noch farbiger aus Thömus Werkstatt in Oberried: „Bonjour, ça va bien?“ begrüsst Titi aus Madagaskar alle Kunden und Kollegen und strahlt über das ganze Gesicht.
Joelilala Hary Tiana wie er mit vollem Namen heisst, ist mit vollem Elan an der Arbeit, flickt problemlos Scheibenbremsen, wechselt Kugellager und ist mit allen Shimano-Wechseln auf Du. Seit dem achten Lebensjahr schraubt er an allem herum, was Räder hat. Mit grossen Augen nimmt er zur Kenntnis, was es im Schlaraffenland Schweiz für Werkzeug gibt. Er hat zu Hause nur einen einzigen Schraubenzieher, den er auch als Hammer verwendet. Aber hier: Schrübli, Schibli und Stängeli in allen Dicken und Grössen, das sei das Paradies!
„Titi macht mir grosse Freude, sein Können, sein Einsatz und seine Lebensfreude sind Vorbild für uns alle“, stellt Werkstattchef Tom Allemann fest.
Dass Titi zu Thömus gefunden hat ging so: Schweizer Biker haben die Fertigkeiten des jungen Mannes letzten Sommer auf einer Reise mit Bike Adventure Tours durch Madagaskar kennengelernt. Da entstand die Idee, der hoffnungsvolle junge Mann könne bei Thömus in einem Schnupperstage neue Ideen tanken, um im harten Alltag in einem der ärmsten Länder der Welt zu überleben.
Titi bereitete seine Schweizerreise sorgfältig vor. Er druckte sich den Thömus Schriftzug auf dem Internet farbig aus und klebte ihn auf das Velo eines Kollegen, weil er selber keines hat. Jetzt darf er die Hightech Boliden nach Lust und Laune fahren. Auch am Wochenende tritt er kräftig in die Pedale und fährt an den Mountainbike-Rennen Ehrenplätze heraus.
Ehrensache ebenfalls, dass er vom Wohnort seiner Gasteltern in Zimmerwald die 15 Kilometer zu Thömu nach Oberried täglich per Bike hin- und herpendelt.
Titi weiss weder wie gross, noch wie schwer er ist. Geschätzt: 160cm und 60 Kilo. Egal, er nimmt es leicht hier, das Leben in seiner Heimat ist schwer genug! „An Kleider und Essen fehle es eigentlich immer, meint Titi kleinlaut“. Wahrscheinlich deshalb isst er so langsam und geniesst es, dass er essen kann bis er keinen Hunger mehr hat.
Auf seiner Wunschliste für das Rückreise-Gepäck stehen handfeste Dinge, wie Werkzeuge, Ersatzteile und einen „Bock“ an dem er die Bikes für die Reparatur befestigen kann.
Er möchte das Biken in Madagskar noch populärer machen und gleich auf mehreren Standbeinen stehen. Velos reparieren und nach Möglichkeit auch verkaufen. Sein älterer Bruder hat eine kleine Velo- und Rollerwerkstatt. Thömus Bikes würden vor allem die vielen Ausländer in Madagaskars Hauptstadt reizen.
Da Titi fliessend Französisch und Englisch spricht, wird er als Bike-Tour Guide Erfolg haben, weil er auch gleich professionell zupacken kann, falls die Defekthexe in der Gruppe mitfährt.
Titi wird künftig die Reisen von Bike Adventure Tours begleiten (www.bikereisen.ch). Das auf weltweite Veloreisen spezialisierte Unternehmen aus Affoltern am Albis, hat eben eine zusätzliche Tour durch Madagaskar aufgelegt.
Titi liebt Himbeersirup. Er liebt ihn so sehr, dass die Literflasche nach einer Woche bereits wieder leer ist. In Madagaskar gibt es keinen Himbeersirup. Kann man das Wasser bei Euch „ab em Hahne“ trinken wie bei uns? Klar sagt Titi, das Wasser bei uns ist gut. Ein kleines Problem hat er aber, es hat keinen Wasserhahn in seiner Wohnung! Und deshalb ist Titi Wasserträger. Nicht einer, der an der Tour de Suisse für seinen Chef die Steigung hochkeucht, nein, Titi holt täglich Wasser für seine Familie.
Und das geht im übertragenen Sinne so: Die Pfanne steht an der Schulhausstrasse 1, die Pumpe befindet sich beim Schwimmbad am Rumiweg 63. Gehzeit: rund 15 Minuten. An der Wasserstelle drängt sich halb Langenthal, Wartezeit, je nach rush hour, fünf bis 30 Minuten. Dann füllt Titi seine zwei Wassereimer à je 20 Liter. Wer an der Schulhausstrasse wohnt, weiss sofort: das macht zusammen 40 Kilo! Der Rückweg Pumpe – Haus dauert deshalb gut und gerne 30 Minuten. Titi muss seine Eimer immer wieder abstellen, immerhin wesentlich weniger häufig als seine Schwester Jessica, sie ist ja auch erst 17jährig. Sonntags ist übrigens Waschtag, da geht’s dreimal zum Wasserloch – und zurück, rechne!
Titi giesst sich genüsslich Sirup nach. Der aufgeweckte 22jährige Mann freut sich über seinen Supertreffer im Lebenslotto: drei Monate Schlaraffenland hat er gewonnen. Schweizer Biker haben ihn auf ihrer Madagaskartour als versierten Velomech kennengelernt und ihm deshalb ein Praktikum bei Thömus Veloshop auf dem Bauernhof in Oberried bei Köniz organisiert. Das heisst also für Schwester Jessica, sie muss das Wasser jeden Tag für sich und die Mutter selber holen, während Titi endlos Schweizer Sirup schlürft!
Spätabends, nach zehn Stunden Velos flicken und zwei Stunden velofahren, beugt sich Titi über sein Tagebuch. Mit gestochen scharfer Schrift hält er fest, was ihm der Schweizer Tag beschert hat. Die Tischlampe steht abseits, er ist sich an Dunkelheit gewohnt. Diese dauert in Madagaskar jahraus jahrein 12 Stunden, von sechs bis sechs. Kerzen sind teuer und leuchten schwach. He, mit Kerzen kannst Du ja Dein Handy sicher nicht aufladen? Titi lacht, drei Strassen weiter hat er einen Kollegen mit Stromanschluss, da darf er viermal pro Woche sein Handy speisen.
Das Visum läuft nach drei Monaten ab. Mit reichlich Kleidern, Material und Velos reist Titi zurück nach Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Neben Velo flicken und verkaufen hat er ein zusätzliches Ziel: das Wasserrad! Das macht nicht Strom, nein, aber mit diesem Spezialvelo können er und Jessica künftig etwas bequemer Wasser holen.
Kolumne Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau, Gastautor Peter Marthaler
Das afrikanische Land Madagaskar ist mit etwa 20,5 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 587'041 km² nach Indonesien der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat der Welt. Die Präsidialrepublik mit einer Küstenlänge von 4'828 km liegt vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean. Die ehemalige französische Kolonie weist die typischen Wirtschafts-charakteristiken eines Entwicklungslandes auf.
Quelle: wikipedia.org